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Kolumne

Wider das Vergessen

06.12.2022

Daniel Rehfeld
Daniel Rehfeld

Was verbinden Sie mit den Begriffen „Strommangellage“, „Frauen-Ticket“ und „Schutzstatus S“? Ich bin überzeugt, dass Ihnen zu diesen Wortschöpfungen gleich jede Menge Stichwörter einfallen. Vielleicht sehen Sie sich mit einem dicken Wollpulli im 19 Grad warmen Wohnzimmer vor dem Christbaum sitzen, der dieses Jahr mit echten statt mit elektrischen Kerzen geschmückt ist? Oder Sie erinnern sich an einen innerlich geladenen und enervierten Ständerat Daniel Jositsch, der seiner Partei im Bundeshaus wegen der diskriminierenden Auswahl der Bundesratskandidatinnen die Kappe wäscht? Oder Ihnen kommen die langen Kolonnen geflüchteter Ukrainerinnen in den Sinn, die mit ihren Kindern im Shopville des Zürcher Hauptbahnhofs für ein Hilfspaket anstehen. Die soeben gekürten „Worte des Jahres“ sind Ausdruck dessen, was Schweizerinnen und Schweizer in diesem Jahr bewegt hat. Interessant finde ich, dass praktisch alle diese Worte erst in der zweiten Hälfte des Jahres so richtig zur Sprache kamen. Vielleicht ein Indiz dafür, dass wir schon vergessen haben, was uns in der ersten Hälfte beschäftigt hat.

Ein ähnliches Bild beim Sorgenbarometer, den eine in die Kritik geratene Grossbank kürzlich veröffentlicht hat. Der Klimawandel, die Altersvorsorge und die Energiefrage grüssen vom Podest. Der Krieg in der Ukraine befindet sich bereits im Mittelfeld und die Corona-Pandemie ist in den letzten Rängen zu finden. Wie anders sah es vor einem Jahr aus. Die Pandemie erreichte Spitzenwerte, die Versorgungssicherheit in Energiefragen bekümmerte kaum jemanden. Unser Gedächtnis scheint schnell zu vergessen, unser Fokus gilt dem, was uns gerade aktuell beschäftigt. Das bestätigt auch die Hirnforschung. „Wenn uns in jedem Moment unseres Lebens zu einem Ereignis alles einfallen würde, was wir je damit in Verbindung bringen würden, dann wären wir nicht handlungsfähig“, sagt Martin Korte, Professor an der Universität Braunschweig. Vergessen kann befreiend sein und uns helfen, zukunftsorientiert zu leben.

Eines sollten wir hingegen nicht vergessen. Das, was uns der Dichter des 103. Psalms ans Herz legt: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Der letzte Monat dieses Jahres ist angebrochen. Zweifellos ein Jahr der globalen Herausforderungen, die uns auch künftig beschäftigen werden. Lassen Sie uns dennoch an das denken, wofür wir im vergangenen Jahr dankbar sein können. Die Worte des Jahres vergehen, Sein Wort bleibt bestehen.  

Daniel Rehfeld, Chefredaktor

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