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Kolumne

Stern, auf den ich schaue

27.09.2022

Daniel Rehfeld
Daniel Rehfeld

Zum Semesterstart hat die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) ihren Leitfaden zur Gendergerechtigkeit und diskriminierungsfreien Sprache von 2015 überarbeitet. Es geht darum, inklusiv zu schreiben und niemanden auszuschliessen. So weit, so ehrenwert. Bloss der Tanz um den Genderstern treibt mittlerweile merkwürdige Blüten. Schon in den Vorbemerkungen des Papiers tauchen mehr Fragen als Antworten auf, obwohl der Rektor davon spricht, Orientierung schaffen zu wollen: „Er (der Leitfaden) veranschaulicht, wie Frauen, Männer und Personen, die sich den binären Geschlechtern nicht zuordnen lassen, sprachlich als gleichwertige und gleichberechtigte Menschen sichtbar gemacht werden können.“ Im Klartext – der Genderstern soll als Platzhalter für alle Menschen dienen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen. Nun hat jede Hochschule die Freiheit, ihre Regeln festzusetzen. Heikel wird es, wenn die Wahl der Sprache einen Einfluss auf die Benotung hat. Denn auch dies wäre, konsequenterweise, eine Diskriminierung. In Deutschland hingegen scheint die Speerspitze erreicht. Laut „Trendence HR Monitor“ legt nur noch ein Drittel der Arbeitnehmer Wert auf eine geschlechtsneutrale Sprache.
Der Stern ist den meisten schnuppe.

Es besteht kein Zweifel, der Genderstern hat unsere Kommunikation verändert. Das hängt damit zusammen, dass die Sprache ein wichtiger Ausdruck unserer Identität ist. Und die spiegelt sich nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in unseren christlichen Denkmustern wider. Bei einer Strassenumfrage vor zwanzig Jahren stellte ich fest, dass sich die meisten Menschen Gott als alten Mann mit weissem Bart vorstellten. Die Zeit war offenbar reif für eine Bibel in gerechter Sprache. Zehn Jahre später versuchte William Paul Young mit seinem Buch „Die Hütte“ ein anderes Bild von Gott zu zeichnen in Form einer hilfsbereiten Afroamerikanerin. Der Bestseller ist umstritten. Jeder Versuch, Gott zu illustrieren, ist bisher gescheitert. Gut so, denn Gott lässt sich in kein Schema pressen. Er erscheint mal in Blitz und Donner, mal in einer Wolkensäule oder mal in einer sprechenden Eselin. Und er sagt von sich „Ich bin, der ich bin“ (2. Mose 3,14). Abseits aller Geschlechterfragen und Vorstellungen mag ich deshalb die Metaphern des alten Kirchenliedes, das im Titel zitiert ist. Da ist vom Stern, vom Felsen, vom Führer, dem Stab, der Quelle und dem Ziel die Rede. Bilder, die die Wesenszüge Gottes zum Ausdruck bringen. Und der Dichter Adolf Krummacher setzt noch einen drauf: „Alles Herr, bist du.“ Mehr geht nicht mehr. 

Daniel Rehfeld, Chefredaktor

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